Abdulqadir Gilani k.s. – Der Sultan aller Awliya

Abdulqadir Gilani wurde in Gilan, einer Provinz von Tabaristan, im Jahre 470 n.H (nach der Hidjra). geboren. Väterlicherseits ist er Sharif (Begriff für Prophetennachfahren – Abstammung über den Prophetenenkel Hasan ibn Ali) und mütterlicherseits Sayyid (Begriff für Prophetennachfahren – Abstammung über Hussein ibn Ali). Bereits im sehr jungen Alter war er für seine vorbildliche Aufrichtigkeit und seinen hervorragenden Charakter (Ahlaq) bekannt. Seine Wissenslehre, die er bei seinem Großvater begann, setze er in Bagdat, dem damaligen Zentrum der Wissenschaft, als Studium fort und wurde von berühmten Großgelehrten (Alim) unterrichtet. Abdulqadir Gilani wurde in der Hadith-, Fiqh- und Tasawwuflehre und -wissenschaft zu einer wichtigen Autorität und begann bereits im Alter von 28 Jahren weitere Gelehrte, die von weither anreisten, zu unterweisen.

Nachdem er eine Weile lehrte, nur das Rechte und die Wahrheit verkündete und seine Führung (Irshad) als Murshid (ermächtigter Sufi-Großmeister) fortsetzte, gab er seine Lehren und Predigten auf, zog sich in die Abgeschiedenheit (Uzlat) zurück und bevorzugte die Einsamkeit. Anschließend ging er hinaus in die Wüsten und lebte in den Ruinen von Kerb bei Bagdat. Mit Ibadah (Gottesdiensten), Riyazat (Verhaltensweisen, die das niedere Ego „Nafs“ brechen und von Verlangen reinigen. Bspw. wenig essen, wenig schlafen) und Mujahada (spirituelle Auseinandersetzung mit sich selbst, um seinen Charakter „Ahlaq“ zu vervollkommnen) verbrachte er seine gesamte Zeit damit, den Wünschen seines Nafs (niederes Ego, Triebseele) nicht nachzugehen und wiederum das zu tun, was sein Nafs nicht verlangte. 

Abdulqadir Gilani erzählte:

In den Wüsten und Ruinen von Irak bin ich 25 Jahre lang von Menschen fern geblieben. Es gab niemanden, der um mich Bescheid wusste und auch ich wusste nicht, wie es den Menschen geht. Manchmal aß ich für eine lange Zeit nichts und hörte hungrige Klagelaute aus mir heraus. Manchmal überkam mich solch eine Schwere und Last – würde man diese einem Berg auferlegen, könnte er sie nicht ertragen und würde zu Grunde schmettern. Als ich in diesen Momenten den fünften und sechsten Vers der 94. Sure As-Sharh mit der Bedeutung „Und wahrlich, mit der Erschwernis geht Erleichterung einher; wahrlich, mit der Erschwernis geht Erleichterung einher.“ rezitierte, löste sich die Schwere über mir auf und verschwand.

In seinem Dergah (Sufi-Herberge), welches der Mittelpunkt für Wissenslehre, Wissenschaft und Fayz (Spirituelle Kraft) war, hat Abdulqadir Gilani bis zu seinem 91. Lebensjahr Licht verbreitet und tausende von Sufi-Schüler ausgebildet. Wegen seiner Tiefsinnigkeit in den weltlichen und geistigen Wissenschaften und seiner spirituellen Gabe und Barmherzigkeit, mit denen er islamisch religiöse Grundsätze wiederbelebte, gab man ihm den Namen

„Muhyiddin“ (Der Wiederbeleber der Religion). Im Jahre 561 n.H. zog er ins unendliche Jenseits. Seine Ruhestätte liegt in Bagdat.

Abdulqadir Gilani, der für seine unzähligen Karamah (Wunder) bekannt ist, hat den Sufismus derart geordnet, dass ihn jeder verstehen kann. Seine Lehre wurde zu Ehren seines Namens als „Qadiriyya“ benannt. Die Worte, welche Gilani seinem Sohn Abdulrazzak als Vermächtnis hinerlassen hat, sind das schönste Resümee seiner Sichtweise über den Tasawwuf und die Welt:

„Mein Sohn! Möge Allahs Hilfe uns, Dir und allen Muslimen zuteil kommen und Erfolg und Gelingen ermöglichen. Mein letzter Wille ist, dass Du Ehrfurcht vor Allah hast, Ihm gegenüber gehorsam bist, den Geboten und Verboten unseres Glaubens folgst und Deine Grenzen beachtest.

Mein Sohn! Möge Allahs Hilfe uns, Dir und allen Muslimen zuteil kommen! Dieser unsrige Weg wurde nach dem Quran und der Sunna gegründet. Errichtet wurde er auf Herzensfrieden, Großzügigkeit, Edelmut und darauf, Leiden und Pein zu erdulden und die Fehler und Makel der Glaubensgeschwister zu verzeihen.

Mein Sohn! Als meinen letzten Willen beauftrage ich Dich! Sei mit Derwischen, also mit Gottesleuten zusammen. Erweise Deinen Respekt gegenüber Sufi-Meistern und Gelehrten. Komme mit Deinen Glaubensgeschwistern gut aus! Erteile sowohl Deinen Jüngeren als auch Deinen Älteren Ratschläge. Verfeinde Dich mit niemandem, außer mit denen, die Dich wegen Deines Glaubens bekriegen.

Mein Sohn! Möge Allahs Hilfe uns, Dir und allen Muslimen zuteil kommen!

Wahre Bedürftigkeit ist, nicht auf Menschen angewiesen zu sein, die Dir gleichgestellt sind. Und wahrer Reichtums ist, von Dir ebenbürtigen Menschen nichts zu erwarten. Tasawwuf ist ein Zustand, ein Befinden und besteht nicht aus Worten und wird auch nicht durch Worte verinnerlicht. Wenn Du unter den Derwischen jene findest, die nichts und niemand anderen als Allah bedürfen, nähere Dich ihnen nicht mit Belehrungen, sondern behandele sie mit Taktgefühl, Sanftmut, einem Lächeln und mit schönen Worten! Denn die Lehre würde ihn einschüchtern; Taktgefühl und Sanftmut jedoch würden ihn anziehen und ihn herannahen lassen.

Mein Sohn! Wenn Du Dich mit reichen Menschen unterhältst, respektiere sie, aber schätze sie nicht höher; Unterhältst Du Dich aber mit armen, bedürftigen Menschen, so schätze Dich selbst nicht höher.

Sei darauf bedacht aufrichtig zu sein! Aufrichtigkeit heißt zu vergessen, dass andere Menschen einen sehen und sich stets zu entsinnen, dass der Schöpfer einen immerzu sieht. Bei Resultaten, welcher Art auch immer, greife niemals Allah, den Erhabenen an. Sei zu jeder Zeit, zu jedem Befinden schweigsam mit dem zufrieden was Allah Dir gibt. Achte in Gesellschaft von Gefolgsleuten Allahs (Jene, die keine Bosheit und Schlechtigkeit kennen, sich allein auf den Weg zu Allah und auf ihre Gottesdienste konzentrieren und einen reinen Glauben erlangt haben) darauf, diese drei Eigenschaften zu besitzen: Demut, gutes Auskommen mit anderen und ein von Schlechtigkeiten gereinigtes Herz. Das wahrhaftige Leben erfüllt sich erst, wenn Du den verbotenen und schadhaften Forderungen und Wünschen Deines Nafs (niederes Ego, Triebseele) nicht nachgehst und es somit vernichtest.“ 

Bookmark the permalink.

Comments are closed.