Sufismus & Tariqa

Sufismus ist die Benennung eines glücklichen und gesegneten Lebensweges, auf welchem sich der Mensch begibt, um seine eigene, innere Welt zu entdecken. Er ist der Ausdruck der Selbsterkenntnis. Um es mit den Worten von Yunus Emre auszudrücken: Sufismus ist das Wissen über ,,sich selbst´´. Er ist das Bestreben, die freudige Botschaft ,,O du Seele, die die Stufe des Mutmain erreicht hat, triff ein unter Meine guten Diener, und tritt ein in mein Paradies´´ (Sure 89, Vers 29-30) zu vernehmen. Sufismus ist, im Lichte des erhabenen Gebotes ,,Wahrlich, im Gedenken Allahs werden die Herzen ruhig´´ (Sure 12, Vers 28) durch Dhikr (Lobpreisung, Gedenken Allahs) Herzensfrieden zu erreichen und ist ein Erbe der offenbaren und verborgenen Schönheiten unseres Propheten Muhammed (sas) an seine Gemeinschaft. [Anm. der Über-setzerin: hierbei sind alle Menschen mit eingeschlossen]. Der Gesandte Allahs verkündet wie folgt:

„Propheten hinterlassen weder ein Dirham, noch ein Dinar als Erbe. Die Wissenslehre (Ilim) jedoch ist ihr Erbe.“ (siehe Ebu Dâvud, Ilm 1; Tirmizî, Ilm 19; Ibn-i Mâce (H. No. 227); Dârimî (H. No. 348); Müsned-i Imâm Ahmed (H. No. 21336).)

“Hohe Gelehrte (Alim) sind die Erbfolger der Propheten.” (siehe Buharî, ilim, 10; Ebû Davud, ilim, 3.)

„Das schönste Erbe, welches ein Vater seinem Sohn hinterlassen kann, ist ein guter Charakter (Ahlaq).“ (siehe Tirmizî, IV, 337.)

Der Sufismus wurde, wie die anderen islamischen Lehren, zunächst systematisch geordnet und im Nachhinein institutionalisiert. Durch die Tariqas (Sufi-Orden) konnte der institutionalisierte Sufismus die Bevölkerung auf eine methodische Weise erreichen. Tariqas beinhalten die Bestrebungen der Menschen, ihr Leben nach einem Murshid-i Kamil (Sufiordensführer und ermächtigter Großmeister, der die Stufe der Vollkommenheit erreicht hat), der einen an Gott erinnert und den Weg des Propheten Muhammed weiterführt, auszurichten.

Die erstmals erschienenen Tariqas waren zu der Zeit der  Tabiun (Gefährtennachfolger, die mindestens einen  Gefährten des Propheten Muhammed gesehen haben) und  der Taba-i Tabiun (Die Generation, die mindestens einen Tabiun gesehen hat) anzutreffen. Im Anschluss dieser Zeit  hat der Sufismus mittels  der Tariqas präzisere Formen und Handlungen angenommen und ist zu einer Ganzheit geworden. Von dem Tag an, an dem Tariqas entstanden sind, waren sie in dem islamischen Gebieten rasch verbreitet und besaßen durch ihre Gemäßigtheit und Hervorhebung  der Liebe eine wichtige Funktion bei der Verbreitung des Islams. Tariqas, die in der islamischen Gesellschaft auf Akzeptanz stoßen, sind folgende: Qadiriyya, Mevleviyye, Naqshbandiyya, Ebhariyya, Rifaiyya, Tayfuriyya, Shazeliyya, Suhraverdiyya, Sa’diyya, Melamiyya  Medyeniyya, Halwatiyya, Shamsiyya, Djamaliyya, Ahmediyye, Rushaniyya, Edhamiyya, Desukiyya, Tschischtiyya (Cistiyya), Cuneydiyya, Celvetiyya, Bayramiyya, Badawiyya u.a. 

Tariqas sind Lichtstrahle, die aus dem Lichte des Quran entspringen und auf den geraden, rechten Weg (Sirat al-Mustaqîm) fallen. Sie empfehlen dem Menschen weder, dass er sich aus dem weltlichen Leben entziehe und die Abgeschiedenheit flüchte, noch soll er im Zuge des modernen Alltags zu einem Dasein verkommen, das sein ursprünglich reines menschliches Wesen verloren hat.

In unserem Leben sollten Tariqas eine handlungsweisende Funktion einnehmen, die uns in den Sackgassen und schwierigen Lagen unseres Lebens dazu einladen, den Worten des Qurans zu lauschen und uns auf seinen Kurs führen. Für die Menschen, deren Horizont bis in die Unendlichkeit geöffnet ist, sie sich aber in den Gängen des modernen Lebens verloren haben und entartet sind, haben die Gelehrten dieses Weges mit ihren Leuchtfackeln, die sie bereits vor Epochen an sich nahmen, unser Zeitalter erleuchtet und neuen Sinn an unsere leblosen Seelen herangetragen.

Unsere im Licht der Offenbarung auflebenden Seelen unter der Schwerkraft des modernen Alltags gegenüber ihrer ursprünglich reinen Beschaffenheit treu zu halten und unseren Iman (bezeugender Glaube) an Tagen, an denen die Schwere unseres Nafs (niederes Ego, Triebseele) uns umfasst, dennoch glänzen zu lassen, gehört zur unseren grundsätzlichen Bestrebung. 

 

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