Was ist Sufismus?

Sufismus ist die Benennung eines glücklichen und gesegneten Lebensweges, auf welchen sich der Mensch begibt, um seine eigene, innere Welt zu entdecken. Er ist der Ausdruck der Selbsterkenntnis. Um es mit den Worten von Yunus Emre auszudrücken: Sufismus (auch Tasawwuf genannt) ist das Wissen über „sich selbst“. Es ist der Eifer, in der Reinheit der Schöpfung Allahs Zuflucht zu suchen und zu einem Regentropfen zu werden, um sich dann in den Ozean der Barmherzigkeit fallen lassen zu können. Der Schöpfer hat den Menschen in schönster Gestalt erschaffen und ihm mit Seiner gebotenen Religion die Möglichkeit gegeben, diese Form auf die schönste Art zu erhalten. Sufismus ist das Streben nach Freiheit, welche man erlangt, wenn man sich vom Nafs (niederes Ego, Triebseele), das einen umringt, sowie von negativen/teuflischen Einflüsterungen (Waswasa) und von niederen Trieben (bspw. Begierden) loslöst und sich der höchsten Stufe der vollkommenen Tugend (Ahsani Taqwim) wendet.

Der Mensch hat das Anvertrauen akzeptiert, welches nicht einmal die Berge und Täler anzunehmen wagten, und hat die Bühne der Prüfung betreten, die sich Diesseits nennt. Lauscht der Mensch der göttlichen Stimme seiner urförmigen charakterlichen Grundzüge und bedenkt er im Lichte des Qurans, wird er danach streben, die freudige Botschaft zu hören „O du Seele, die die Stufe des Mutmain erreicht hat, tritt ein unter Meine guten Diener, und tritt ein in Mein Paradies.“ (Sure 89, Vers 29-30) Sufismus ist, sich im Lichte des erhabenen Gebotes „Wahrlich, im Gedenken Allahs werden die Herzen ruhig“ (Sure 13, Vers 28) mit Dhikr (Lobpreisung/Gedenken Allahs) zu reinigen und zu klären und der inneren Ruhe und Zufriedenheit mit Klarheit im Herzen entgegen zu eilen.

Die Gelehrten dieses Weges haben aus dem Koran und der Sunna ein Licht gebunden, in dem sie mit der Wissenslehre vermengt und mit Anstand und Geduld beschmückt wurden und haben Flüsse errichtet, die zur Barmherzigkeit Allahs führen, damit die Menschen unter dem Licht der Weisheit das Nour (Licht) Muhammeds erreichen, ohne sich an den Dornen des Diesseits zu verwunden. Zu der Erhabenheit des Sufismus gehört, dasDhikrullah (die Lobpreisung Allahs) sich in die Adern einzuflößen und sein Herz auf diese Weise von seiner Schwere, Selbstsüchtigkeit und Weltlichkeit loszulösen und in seinem Grad zu erhöhen, damit es den Schöpfer, der sonst in keinem Ort und Raum Platz findet, umgreift.

Der Schöpfer aller Welten befiehlt „Sagt nicht ‚Wir glauben’, sagt ‚Wir haben den Islam angenommen’“. Durch die Annahme der Grundsätze des Imans (bezeugender Glaube) und des Islams haben wir alle gottlob den Islam angenommen. Während man als Muslim jenen Weg beschreitet, der zu dem Rang eines Mu’min (Überzeugter, der sich seinem Schöpfer aus Liebe hingibt) führt, dient der Sufismus einem als Schutzschild, hinter dem man Zuflucht findet. Sufismus ist, wie S. Nakip Attas sagt, „die Anwendung des Islams, auf einer Ebene des Vollkommenen und Schönen.“ Tasawwuf bedeutet, die Gebote des Allmächtigen über das eigene Nafs (niederes Ego, Triebseele) zu stellen und bei seinen Gebeten, seinem Dhikr und weiteren Gottesdiensten ein Bewusstsein zu entwickeln, als würde man Allah stets sehen.

Als die Seelen erschaffen waren, wurden sie, bevor sie ins Diesseits treten, alle versammelt und bezeugten, dass Allah ihr Schöpfer ist. [Anm. d. Übersetzerin: das Ereignis nennt sich Qalu Bala] Sufismus ist, dass man sich seinem Schöpfer gegenüber nach dem Versprechen bei Qalu Bala als loyal erweisen möchte und seine spirituelle Ader aufrecht erhält, indem man

seinen Schöpfer jeder Zeit gedenkt und danach strebt, stets in Richtung der Wahrheit gewandt zu leben. Auf dem Lebensweg ist Tasawwuf jene Glückseligkeit, mit Strebsamkeit, Geduld, Genügsamkeit, Gottesliebe und Ergebenheit durchdrungen zu werden und nach dem berühmten sufistischen Prinzip „Erst war ich roh, dann wurde ich gar, dann verbrannt“ zu reifen.

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